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Hannah Esther Minutillo: "Ich liebe die Bühne"
Was bedeutet das Singen für die Mezzosopranistin Hannah Esther Minutillo?
Daniel von Loeper (dvl) sprach darüber mit der erfolgreichen Opernsängerin.
dvl: Hannah Esther Minutillo, was für eine Beziehung haben Sie zur Bühne?
H.E. Minutillo: Ich liebe die Bühne. Ich kann dort Teile von mir ausleben,
von denen ich nicht mal weiß, dass ich sie habe. Ich habe schon immer den
Drang gehabt mich "darszustellen" - schon als Kind war ich sehr ehrgeizig -
ob im Sport, in der Schule oder im Kinderchor, wo ich Solistin war, wollte
ich immer die erste sein. Die Bühne war für mich also sehr anziehend. Doch
ich musste lernen, dass sie kein Ort ist, wo man einfach so allen seinen
Gefühlen einen freien Lauf gibt. Früher, als Anfängerin, habe ich mich
manchmal zu sehr durch die Rolle mitnehmen lassen. Bei meinem ersten
Wettbewerb, in Kalsbad, sang ich eine Arie einer Mutter, die ihren Man und
einen Sohn durch die Schlafkrankheit verloren hatte und jetzt auch noch ihr
letzter und jüngster Sohn von einer Tse-Tse Fliege gestochen wurde und im
Fieber dahin siechte. Ich habe das so mitgefühlt, dass ich auf der Bühne
weinte. Diese Erfahrung lehrte mich, dass die Kontrolle immer da sein muss.
Kalkulierte Spontaneität - das geht. Wenn man aber zu sehr seinen Gefühlen
beim Singen nachgeht, dann kann die Stimmführung darunter leiden - von daher
ist Disziplin sehr wichtig. Effekte und Affekte müssen wohlkalkuliert sein,
in jedem Moment muss man wissen, was man tut auf der Bühne. Der Zuschauer
ist nicht daran interessiert eine Sängerin zu sehen, die durch Rührung einen
"engen Hals" bekommt und sprichwörtlich "kein Ton von sich pressen kann".
Sie wollen selber gerührt werden. Dazu ist die Technik da. Und ausser der
Technik muss man eben lernen, ein Instrument zu sein. Ein Durchgang für die
Töne, die nach aussen hin eine Wirkung haben, mit denen man sich aber nicht
identifizieren darf. Dass ist die hohe Kunst.
dvl: Konkret: was bedeutet das Singen für Sie?
H.E. Minutillo: Töne des Singens befreien mich, sie öffnen mein Herz.
Und ich hoffe auch das Herz meiner Zuhörer. Ich sehe darin meine Aufgabe,
mich beständig zu verbessern beim Singen.
dvl: Wann entdeckten Sie die Lust am Singen?
H.E. Minutillo: Singen war schon immer ein wesentlicher Teil meines
Lebens, von Kindheit an. Im schon erwähnten Kinderchor habe ich die Lust am
Singen entdeckt. Ich sehe im Singen einen Austausch mit der Welt. Die Musik,
der Tanz, die Kunst allgemein ist ein nicht mehr wegzudenkendes Bestandteil
meines Lebens.Es ist eine Bereicherung und auch eine essentielle
Notwendigkeit. Ein Leben ohne Gesang kann ich mir nicht vorstellen. Mein Weg
zur professionellen Karriere war nicht einfach, aber ich habe nie daran
gezweifelt und nie daran gedacht, aufzugeben. Das kommt von innen heraus.
Meine Eltern haben mich zwar unterstützt - sie haben nie gesagt, du musst
erst einmal einen gescheiten Beruf machen - aber nicht immer verstanden.
Meine Familie hatte mit Oper nichts zu tun.
dvl: Die Hannah als kleines Mädchen - wie waren Sie da?
H.E. Minutillo: Das ist eine gute Gelegenheit über meinen Namen zu
sprechen. Mein bürgerlicher Name lautet HANA. Ich habe auch unter diesem
Namen zu singen angefangen . Doch vor 2 Jaren wurde ich getauft auf den
Namen Hannah Esther und diesen Namen benutze ich jetzt als Künstlernamen.
Manchmal sorgt es für Verwirrung. Aber die neue Schreibweise meines Namens
gefällt mir, so hat er für mich irgendwie mehr Kraft. Und ich möchte durch
den neuen Namen auch ausdrücken, dass ich eine neue Phase im Leben
angefangen habe.
Zu Ihrer Frage: Ich sagte schon, dass ich als Kind ehrgeizig war. Im
Kindergarten habe ich mich sehr gern gezeigt, getanzt, Theater gespielt, ich
war nicht schüchtern. Es gibt ein Bild auf dem ich wie ein Mannequinn
stehe - doch keiner hatte mir für diese Aufnahme gezeigt, wie man sich dazu
hinstellt. Meine Eltern haben das bewundert. Ich war sehr eigensinnig, wild,
temperamentvoll. Ich hatte ständig blaue Flecken, weil ich so lebendig war.
Meine Mutter hatte dann meinen Bewegungsdrang durch verschiedene
Sportvereine kanalisieren lassen - ich lernte Balett, spielte Baskettball,
treib Gymnastik und Leichtathletic. Doch die wirklich intensivsten
emotionalen Erlebnisse hatte ich im Kinderchor - wenn alle Kinderkehlen um
einen herum gemeinsam einen wunderschönen Klang produzieren - das prägte
mich.
dvl: Wann war der Moment, an dem klar war, dass Sie ein großes Potential in
der Stimme haben?
H.E. Minutillo: Als ich ca.15 Jahre alt war, sang ich auf einem
Konzert unseres Chores ein Solo. Im Zuschauerraum war damals eine grosse
Lehrerin und Konzertsängerin und die stellte über mich fest: Das ist eine
echte Mezzostimme, da könnte man was draus machen. Mit 19 Jahren bin ich
dann in ihre Gesangsklasse im Konservatorium aufgenommen worden. Ich
studierte fünf Jahre bei ihr.
dvl: Was sind denn Highlights aus Ihrer Karriere als Opernsängerin?
H.E. Minutillo: Als Highlights unter meinen Auftritten sehe ich die
Hosenrollen Idamante in "Idomeneo", Annio und Sesto in Mozarts "La clemanza
di Tito" , und den Octavian im "Rosenkavalier". Mozart ist wohl sehr gut für
meine Stimme. Aber auch Carmen war sehr wichtig für mich zu singen - für
fast jede Mezzosopranstimme ist das eine Erfüllung eines Traumes.
dvl: Welche Bedeutung hat der Dirigent für Sie und was ist die Aufgabe der
Stars?
H.E. Minutillo: Der Dirigent gibt den Esprit. Seine Ausstrahlung und
Verbindung mit dem Geschehen auf der Bühne sind ausschlaggebend. Die besten
Dirigenten "singen" alles mit. Man fühlt sich dann "getragen". Ich hatte das
Glück mit z.B. Zubin Mehta, Sir Charles Mackerras, Sylvain Cambreling, John
Fiore oder Fabio Luisi zusammenzuarbeiten. Nur um einige zu nennen.
Was die Aufgabe der Stars ist, weiss ich nicht so genau. Ich denke, sie
müssen eine perfekte Mischung zwischen Stimmtechnik und Ausstrahlung
besitzen. Sie müssen auf der Bühne faszinierend sein.
dvl: Vielen Dank für das Gespräch.
Daniel von Loeper ist Journalist und Fotograf, Menschen in
unterschiedlichsten Situationen hat er aufgenommen unter
www.lebendige-bilder.de
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